Der Morgen begann gleich mit einem Schreckmoment. Eddie und Ian gingen zum Frühstück in eine nahegelegene Bar, während ich den Rest von meinem Baguette in der Herberge verschlang. Blöderweise hab ich Eddie falsch verstanden, als wir den Treffpunkt vereinbarten. Ich hab ungefähr eine halbe Stunde vor der Herberge auf die beiden gewartet. Neben dem Eingang schlief ein Pilger mit seinem Hund auf dem Gehweg. Tiere sind in den allerwenigsten Herbergen erlaubt. Es kamen zwar eine Menge Leute vorbei, nur Eddie und Ian waren nicht darunter. Von dem Leiter der Herberge erfuhr ich, in welche Bar sie gegangen sind. Dort angekommen, war nichts von ihnen zu sehen. In einem leichten Anflug von Panik bin ich den ausgeschilderten Jakobsweg durch die Stadt gegangen. Und genau da, wo wir gestern Manjit getroffen haben, warteten die beiden auf mich. Selten war ich so froh jemanden wiederzusehen wie in diesem Moment. Wieder vereint gingen wir noch ca. eine Stunde durch die zahlreichen Parkanlagen von Pamplona. Je weiter wir uns aus der Stadt entfernten, desto größer bauten sich wieder einmal die Berge vor uns auf. Von wegen “flaches Terrain”. Zu meinem Leidwesen trafen wir auch Cecilia, die aufdringliche Dame vom Vorabend, wieder. Sie hielt des Öfteren an, um ein paar Kräuter am Wegesrand zu pflücken. Nicht weil sie so schön aussahen, sondern um sie zu essen. Während sie mit Ian plauderte, ließ ich mich ein paar Meter zurückfallen, um meine Ruhe vor ihr zu haben.

In den Bergen hatte ich so meine liebe Müh. Der Rucksack war immer noch viel zu schwer. Was auch der Grund dafür war, dass die Schultern seit dem ersten Tag total verspannt waren und so sehr schmerzten wie 1000 Nadelstiche. Die ersten Minuten nach dem Aufsetzten dieses Monsters waren immer die Schlimmsten. Aber irgendwann gewöhnt man sich an alles, so auch an die Schmerzen. Gegen 10 Uhr kamen wir an eine Bar, wo wir wieder Kraft tanken konnten. Am Nachbarstisch saßen zwei Australier mit denen wir uns eine Weile unterhielten. Der typische Camino-Smalltalk besteht meist aus dem Zustandsbericht der Füße, wann und wo man den Jakobsweg angefangen hat, wie viele Kilometer man heute noch gehen will und vereinzelten Hasspredigten auf den viel zu schweren Rucksack. Da konnte ich mich einreihen! Der Australier gab mir daraufhin Tipps, wie man das Gepäck am besten verstaut. Das schwerste nach unten, so dicht wie möglich an den Rücken, und das leichteste nach oben. Zum Schluss zeigte er mir noch, wie man die ganzen Gurte einstellt. Zum meinem Erstaunen war der Rucksack dadurch deutlich angenehmer zu tragen. Frohen Mutes brachen wir zur zweiten Hälfte der heutigen Strecke auf. Die Sonne knallte uns unbarmherzig auf den Kopf. Gepaart mit einem steilen Berg war das eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Eddie machte einen auf Taliban, indem er sich total vermummte. Oben auf dem Gipfel angekommen, wurden wir mit einem fantastischen Ausblick belohnt. Nach einer kurzen Verschnaufpause mit obligatorischem Fotoshooting ging es an den ebenso steilen Abstieg. Hier mussten wir noch einmal besonders vorsichtig sein. Der Untergrund bestand aus losem Geröll, was einen schnell mal ausrutschen oder umknicken lässt, wenn man nicht aufpasst. Schon so mancher musste wegen eines verstauchten Knöchels seine Pilgerreise aufgeben.

Am frühen Nachmittag erreichten wir unseren Zielort, Uterga. Dort begrüßten mich auf einer Bank vor der Bar sitzend Niko und Ralf. Sie sind pensionierte Lehrer und wirklich nette Zeitgenossen. Ich hab sie zum ersten Mal auf der Zugfahrt nach Saint-Jean-Pied-de-Port getroffen. Damals habe ich noch große Reden geschwungen, dass ich knappe 35km am Tag laufen will. Deswegen musste ich mir jetzt auch berechtigterweise den Hohn anhören. Schließlich war dies bereits der vierte Wandertag und wir haben erst 90km hinter uns gebracht. Sich mit den beiden in der Muttersprache zu unterhalten, tat zugegebener Maßen mal wieder richtig gut. Sie wollten sich aber nicht lange aufhalten. Im nächsten Dorf warteten 2 schöne Einzelzimmer in einem Motel auf sie. Die zum Teil sehr lauten Nächte mit schnarchenden Pilgern wollen sie sich nicht antun.

Der Tag war noch lang und es gab wenig zu tun. Also schnappte ich mir mein digitales Wörterbuch auf dem Handy und versuchte ein wenig Spanisch zu lernen. Ergebnis nach 2 Stunden: Ich bin in der Lage, perfekt spanisch zu hören! Nur mit dem Sprechen und Verstehen klappt es noch nicht so gut. Ich hatte mir ein paar Sätze zusammengelegt, um per Telefon ein Bett in einer Albergue reservieren zu können. Allerdings darf der Gesprächspartner keine Fragen stellen, sonst bin ich aufgeschmissen.

Als es Abend wurde, traf Inka ein. Sie kommt ebenfalls aus Deutschland und ist bereits über 80 Jahre alt. Angefangen hat ihre Reise im März ein paar Hundert Kilometer vor der spanischen Grenze in Frankreich. Bereits am zweiten Tag hat sie sich die Achillesferse verletzt und humpelt seitdem. Nur ihrem Dickschädel hat sie es zu verdanken, dass sie immer noch jeden Morgen aufsteht und mindestens 20 Kilometer pro Tag läuft. Ihre Kinder und Enkelkinder haben sie übrigens für verrückt erklärt, in dem Alter noch so eine Tortur auf sich zu nehmen. Daraufhin antwortete sie nur “Wann, wenn nicht jetzt?”. Recht hat sie – besser spät als nie. Nach einem gemeinsamen Abendbrot mit Inka ging es meinem Rucksack zum zweiten Mal an den Kragen. Alles wurde noch einmal einem kritischen Blick unterzogen. Am Ende der ganzen Prozedur lag ein mittelgroßer Haufen unnötiger Sachen vor mir. Ungefähr 2 Kilo konnte ich loswerden. Morgen, so hatte ich es mit Eddie und Ian besprochen, würde ich sie am Nachmittag verlassen, um noch rechtzeitig in Santiago anzukommen.

 

 

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